KLENZE & BAUM IN SPECTR MAGAZINE

13. Januar, 2020

BROKEN IS SO YESTERDAY!

Die noch junge Brillenmanufaktur VOYOU aus München benennt sich um in KLENZE & BAUM. Mit dem Rebranding wollen die Gründer Aurélien Mierswa und Stefan Roesinger nicht nur den Markenauftritt auf ein neues Level heben. Auch technologisch legen die 3D-Druck-Spezialisten nach. Das patentierte schraubenlose Scharnier der bisherigen Kollektion war bereits für viele maßgebende Optiker unwiderstehlich. Nun will die Manufaktur mit zwei weiteren technisch ambitionierten Kollektionen begeistern.

Hallo Aurélien und Stefan, Ihr seid in Sachen Brille noch recht unbeschriebene Blätter. Seit wann agiert Ihr in der Branche?

A: Der Launch unserer Brand war 2018 auf der opti. Die Entwicklungszeit waren fünf Jahre. Davor war ich nur begeisterter Brillenträger ohne Kenntnisse in der Augenoptik.

S: Ich bin vor vier Jahren zu Aurélien hinzugestoßen. Auch ich bin Quereinsteiger und hatte nur im Bereich des Marketings Berührungspunkte mit einer Brillenmarke.

Was habt Ihr vorher gemacht und wo habt Ihr Euch kennen gelernt?

A: Zuvor war ich Produktdesigner bei dem Sportartikelhersteller Boards & More und dort federführend in der Entwicklung. Stefan und ich kennen uns seit unserer Jugend, als er mit meiner Schwester zusammen war.

S: Und ich komme aus der Werbebranche, war Artdirector bei Jung von Matt und zuletzt mit einer Agentur in Eigenregie unterwegs. Der Traum, einmal mit einer Produktidee selbst an den Markt zu gehen, war aber bei uns beiden immer da.

Wem und wie entstand die Idee, in das Eyewear Sujet zu wechseln?

S: Aurélien hatte diese Idee einer 3D-gedruckten Brille, die so viele einzigartige Benefits vereint, dass man sich auch mal sagen kann: Mit sowas kann man sich trauen, Neuland zu betreten.

A: Schon im Studium habe ich meine Prototypen im 3D-Druck hergestellt. Seitdem wollte ich ein Serienprodukt in diesem Herstellungsverfahren kreieren. Mir war schnell klar, dass das Thema Eyewear mit die sinnvollste Anwendung der Technik sein würde. Wir haben dann länger mit der Marktreife gebraucht als andere Marken. Aber dieses Mehr an Entwicklung zahlt sich nun aus, da wir in den relevanten Qualitätskriterien zu den Innovationstreibern gehören.

Liegen da nicht hunderte von Stolperfallen auf dem Weg, wenn man ein technologisch neues Produkt in einem fremden Markt platzieren möchte?

A: Trotz vieler Fragezeichen im Kopf haben wir uns reingebissen und sind einfach all in gegangen. Wir betrachten diese Branchenfremdheit auch als eine Stärke. Einige technische Features, an denen sich andere die Zähne ausgebissen haben, konnten wir gerade deshalb lösen, weil wir anders denken.

S: Die Lernkurve musste in unserem Fall natürlich besonders steil sein. Wir haben aber auch einen Helferkreis, dem hier ausdrücklich zu danken ist, u.a: Thomas Hobmaier & Fred Utz, Inhaber der Steingasse 14 in Heidelberg.

Was empfindet Ihr generell an der Branche erfrischend und positiv?

A: Wir haben die Branche bislang als sehr sympathisch erfahren und sind dankbar, dass wir so nett aufgenommen wurden.

S: Mit einer kleinen Gruppe an Independent Brands verstehen wir uns schon als David, der sich mit Goliath, also den großen globalisierten Brands anlegt. In dieser Branche kann man jedenfalls in Sachen Qualität, Innovation und Nachhaltigkeit auch noch für die Big Player ein Vorreiter sein.

Ihr sitzt im Münchner Glockenbachviertel. Inspiriert Euch die hippe Quirligkeit bei Eurer Arbeit?

S: Na klar, unser Büro ist im kreativen Herzen Münchens mit unzähligen kleinen Boutiquen, Designbüros und Modemachern. Auch die Menschen hier auf der Straße sind oft spannend anzuschauen. Wir sind dem Viertel sehr verbunden und feiern das ja auch mit unserem neuen Namen.

Inwiefern?

A: Unsere Manufaktur liegt auf der Klenzestraße Ecke Baumstraße. Deshalb KLENZE & BAUM.

Man würde erwarten, dass es sich bei dem Markennamen um die Namen der beiden Gründer handelt. Dann dürftet Ihr nie mehr umziehen?

S: Die Klenzestraße ehrt den klassizistischen Architekten Leo von Klenze, der das Stadtbild stark prägte. Und in der Baumstraße wurden früher die Isarflösse gebaut. Wir sind ja direkt an der Isar und schwimmen im Sommer des Öfteren auf die Weideninsel. Hier wollen wir bestimmt nicht mehr wegziehen!

Was hat Euch zu dem Relaunch motiviert?

A: Wir hatten Lust, so zu klingen, wie wir uns nun nach zwei Jahren fühlen: Als eine hochwertige deutsche Brillenmanufaktur ohne englischem fancy Namen.

Kommen wir zum eigentlichen Produkt, wie lässt sich Eure Designsprache beschrieben?

A: Kompromisslos ästhetisch und fast schon manisch getrieben, was die Funktion anbetrifft.

Gibt es ein gewisses Klientel, welches Ihr mit Euren Brillen ansprecht?

S: Menschen aus demselben Kosmos, die sich mehr über Einstellung als über Alter oder Gehaltsklasse definieren.

Die eine Vorliebe für Qualität, Design und Slow Fashion haben, also weniger Produkte kaufen, die aber länger halten.

Eine Besonderheit von KLENZE & BAUM liegt im Material und dem Fertigungsverfahren. Ihr habt Euch von Anfang an auf 3D-Druck spezialisiert. Warum?

A: Im 3D-Druck lassen sich in puncto Formensprache und Technik Sachen realisieren, die sonst nicht produzierbar wären. Zudem wird der 3D-Druck in den nächsten Jahren die meisten Überraschungen parat halten, was Material und deren Eigenschaften anbetrifft. Es steht hier eine Revolution an, und da wollen wir dabei sein.

Was sind die grundsätzlichen Vorteile von Polyamidpulver?

S: Das Material ist rund 30% leichter als Acetat und viel flexibler.

Ihr verarbeitet in Euren 3D-Bügeln jedoch auch Metalleinlagen. Warum?

A: Dadurch lassen sich die Bügel sehr gut und dauerhaft anpassen, wie bei einer Acetatbrille. Die Anpassung ist sonst ein Manko an 3D-gedruckten Bügeln.

Damit kommen wir zu einem ganz besonderen Key-Feature: das von Euch patentierte Gelenk. Wie seid Ihr überhaupt auf die Idee gekommen?

A:  Von Anfang an war uns klar, dass wir hier ein Alleinstellungs- und Wiedererkennungsmerkmal brauchen. Das war ein sehr langer Prozess. Rund 25 Scharniere wurden konzipiert und vielfach Prototypen gemacht. Am Ende hat uns die jetzige Lösung am meisten überzeugt.

In Optikerkreisen wird es enorm gut besprochen. Was ist das Besondere daran?

S: Bei unserem schraubenlosen Scharnier sitzt ein abgeflachter Kugelkopf am Ende einer Feder und bildet ein Kugelgelenk mit genau den richtigen Freiheitsgraden. Es erzeugt die nötige Spannung am Kopf, hat aber vor allem einen Überlastungsschutz.

Welche Vorteile bringt das mit sich?

S: Bei Überlastung klappt der Bügel weg und kann im Extremfall sogar abspringen. Danach lässt er sich mit einer Handbewegung wieder anmontieren. Vielen Kunden hat das schon die Brille gerettet, z.B. beim Daraufsetzen.

A: Wir geben zudem auch eine 5-jährige Garantie auf die Funktion des Scharniers, da wir von dessen Robustheit sehr überzeugt sind.

Besonders relevant wird dies bei Brillen, die auch beim Sport getragen werden können. Dafür habt ihr eine besondere Idee entwickelt.S: Wir habeneine Art Gespinstbügel entwickelt. Durch das Scharnier kann der Standardbügel ganz leicht gegen den Sportbügel getauscht werden. Die optische Brille wird im Handumdrehen zur Sportbrille.

Wie sieht die Farbgestaltung generell bei Euch aus?

S: Wir sind hier recht mutig unterwegs. Die Farben von Fassungen, Scharnieren und Gläser weichen des Öfteren vom Erwarteten ab, bspw. bei unserem regenbogenfarbenem Scharnier. Das stärkt unser Markenprofil.

Damit kommen wir zu einem anderen Thema, für welches 3D-Brillen geradezu prädestiniert sind: die individuelle Anpassbarkeit. Wie sieht das generell bei Euch aus?

A: Wir bieten unsere Serienkollektion in zwei Größen und bis zu sechs Farben an. Gelenkfarbe und Glasfarbe lassen sich hier auf Kundenwunsch tauschen. Darüber hinaus gibt es die Custombrille, bei der sich alle wichtigen Parameter ändern lassen: Breite, Bügellänge, Inklination, Nasenbreite usw.

Wie erfolgt diese individuelle Anpassung?

A: Wir haben eine spezielle Maßnehmebrille entwickelt, mit der der Optiker alle notwendigen Parameter am Kopf des Kunden messen kann, der wiederum haptisch ein Gefühl für die spätere Brille erhält. Das kommt dem Handwerk des Optikers entgegen, der für uns unersetzbar bleibt. Das ist uns wichtig.

Wie lange muss der Kunde dann auf seine Customized KLENZE & BAUM warten?

A: 4-6 Wochen.

Nachhaltigkeit ist ebenfalls ein wichtiges Thema für Euch? In welchen Bereichen könnt Ihr diesem Anspruch gerecht werden?

S: Unsere Fassungen sind made in Germany und dadurch auf kurzen Transportwegen unterwegs. Wir produzieren bedeutend weniger Abfall, und unser Gelenk wirkt gegen die Wegwerfgesellschaft.

Spannend alles – ein tolles Konzept. Was dürfen wir in Zukunft noch von Euch erwarten?

A: Wir bringen nun zur opti einen Mix aus 3D-Druck-Front und einem perfekt anpassbaren Titanbügel, wieder ganz im Zeichen der Robustheit konstruiert. Dazu noch eine ultradicke Kollektion, die hohl gedruckt durch ihre Leichtigkeit besticht.

Vielen Dank.

S: Wir haben zu danken.